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Start-up-Diaries: Meine Firma, meine Investorin und ich

Mit Superheldin hat Sandra Westermann ein Start-up gegründet, das working mums mit familienfreundlichen Unternehmen verbindet. Hier spricht sie mit ihrer Investorin Silke Christmann über die wichtigsten Milestones, ihre besondere Konstellation und was beide antreibt. Vor allem aber wollen sie mit ihrem Beispiel mehr Frauen ermutigen, in Firmen zu investieren und so die Arbeitswelt und Gesellschaft nachhaltig zu verändern

Dieser Artikel ist auch verfügbar in Englisch

Wie alles begann

Sandra
Vor ziemlich genau zwei Jahren habe ich den ersten Pitch geschrieben. Die Idee wurde aus der Not heraus geboren. Ich habe 15 Jahre beim Fernsehen gearbeitet. Nach der Geburt meines ersten Kindes habe ich schlichtweg keine Arbeit mehr gefunden – was an meiner neuen Familiensituation lag. Ich habe nach Jobbörsen gesucht, die gezielt Müttern bzw. Eltern ansprechen. Es gab keine Treffer. So habe ich angefangen, meine private Konkurrenzanalyse zu starten, habe mit anderen Müttern gesprochen. Es stellte sich heraus: Alle haben dasselbe Problem. Und niemand löst es. Dabei ist das ein riesiger Markt. Für 75 Prozent der Deutschen ist bei der Wahl des Arbeitgebers Vereinbarkeit von Familie und Beruf entscheidend. Aber niemand bringt diese beiden Gruppe zusammen. Die Idee zur Superheldin war geboren. Das war im Oktober 2018.

Die wichtigsten Milestones

Sandra
Der erste war die Internetseite. Ein halbes Jahr nach dem Pitch ist sie live gegangen. Und ab dem Frühjahr 2019 haben wir angefangen, die Mütter einzusammeln – also eine Community per Social Media aufzubauen – und gleichzeitig versucht, die ersten Stellen auf die Seite zu bekommen. Wir hatten das klassische Huhn-Ei-Problem: Ohne Stellen auf der Seite keine Bewerberinnen, ohne Bewerberinnen keine Stellen. Darum war die erste Buchung einer Stellenausschreibung der zweite wichtige Milestone. Das war unser Proof of Concept. Nummer drei war in meinen Augen die erste Kooperation mit einem Konzern, Coca Cola. Schließlich würde ich als Milestone Nummer vier unsere Finanzierungsrunde nennen in der auch Silke , die im März dieses Jahr als Investorin eingestiegen ist.

Was für mich den Ausschlag gegeben hat, zu investieren

Silke
Ich bin Logopädin und Diplom-Sprechwissenschaftlerin. Ich arbeite seit 25 Jahre als Coachin und bin spezialisiert auf Medientraining. So habe ich übrigens auch Sandra kennengelernt, weil ich sie vorbereitet habe auf einen TV-Auftritt. Der Anteil von Frauen bei meinen Einzeltrainings liegt bei 60 bis 70 Prozent. Ich habe ausgerechnet, dass ich in den 27 Jahren meiner Berufstätigkeit ca. 4500 Coachings gemacht habe. Ich sage immer scherzhaft, dass ich inzwischen meine eigene Studie bin. Und auch wenn ich mehr inzwischen Männer coache, ist eine Sache geblieben: Die Selbst-Unterschätzung von Frauen. Da geht es um Glaubenssätze wie: Das kann ich nicht. Das konnte ich noch nie. Ich traue mich nicht. Ich habe zwei Töchter und will jetzt nicht mehr 100 Jahre warten, bis sich etwas verändert. Auch deshalb bin ich mit eingestiegen. Superheldin gibt mir die Möglichkeit, meine Mission und Vision einer gerechteren Gesellschaft zu skalieren. Beim Coaching arbeite meistens nur mit einer Frau. Es gibt aber 10,5 Millionen Mütter, die oft keine adäquaten Jobs finden nach der Babypause und überqualifiziert einsteigen, meist in Teilzeit. Dazu kommt der Spread in Sachen Equal Pay.  Vielen Frauen droht Altersarmut. Das sind Themen, die wir dringend verändern müssen.

Der große Tag

Silke
Der Notartermin war am Freitag, den 13. März. Das ist ja ohnehin ein besonderes Datum. Aber es kam noch etwas hinzu: Die Schulen und Kindergärten wurden COVID-bedingt geschlossen. Und wir zwei saßen beim Notar und haben den Vertrag unterschrieben. An diesem Tag begann mein Second Life, so nenne ich das. Ich bin eine Leidenschafts-Arbeiterin. Wenn mich etwas packt und überzeugt, dann werfe ich mich da voll rein. Aber nur Leidenschaft reicht nicht. Als Investorin habe ich mir natürlich auch die Fundamental-Daten angesehen. Alles andere wäre ja naiv. Ich kenne den Businessplan. Und ich kenne auch Sandra. Das alles zusammengenommen, hat mich komplett überzeugt. Die Zeit gibt uns recht. Es ist über ein halbes Jahr vergangen und das Konzept funktioniert, das Unternehmen wächst.

Wie ich meine Rolle sehe

Silke
Ich arbeite weiterhin Vollzeit in meinem Job als Coachin. Bei Superheldin bin ich als Investorin drin – auch, weil ich Vorbildwirkung haben möchte. Es gibt nämlich sehr wenig weibliche Investorinnen. Laut einer Studie von BCG sind es in Deutschland gerade mal vier Prozent. Und da sprechen wir von den VCs, nicht von privaten Geldgeberinnen. Insofern bin ich hier in einer echten Sonderrolle. Das ist auch der Grund, weshalb ich diesem Interview zugestimmt habe. Bislang habe ich mich eher zurückgehalten. Aber ich finde, wir müssen über diese Themen sprechen. Ansonsten ist meine Rolle die des Sparringspartners. Sandra ist ja eine Einzelgründerin, was eher ungewöhnlich ist. Das heißt, wir diskutieren sehr viel über die Strategien, wichtige Entscheidungen und ich helfe mit Kontakten.

Warum ich keine/n Co-Founder*in habe

Sandra
Ich habe viel Energie auf der Suche nach einer Co-Founderin verwendet. Mir war wichtig, dass sich der andere so sehr mit dem Thema identifiziert wie ich und das entsprechende Commitment mitbringt, das man benötigt, um so ein Unternehmen aufzuziehen. Ich habe niemanden gefunden, mit dem das gepasst hätte. Es gab dann irgendwann den Moment, als ich beschlossen habe, ich höre jetzt auf, all meine Energie in dieses Thema zu stecken. Wobei man sagen muss, dass ich eine tolle Infrastruktur um mich herum habe. Es gibt Silke, ich habe einen großartigen Partner, der mich sehr unterstützt und meinen Bruder, der ebenfalls erfolgreich ein Start-Up gegründet hat.

Was uns ausmacht

Silke
Du brauchst den gleichen Wertekompass. Und dasselbe Mindset im Sinne von einer gewissen Risikobereitschaft, Nervenstärke und Mut. Ganz wichtig ist außerdem Kritikfähigkeit. Wir sind ja nicht immer einer Meinung. Das muss man aushalten können und auch akzeptieren, dass die andere bestimmt Gründe hat, warum sie etwas so und nicht anders macht oder manche Dinge einfach anders priorisiert. Das Interessante sind die unterschiedlichen Perspektiven, die wir mitbringen: Ich habe die Außensicht auf die Dinge, Sandra die Innensicht. Und beides gehört zusammen, erst dann wird es richtig gut.

Sandra
Unsere Grundlage ist 100-prozentiges Vertrauen. Wir haben eine sehr enge Verbindung. Wir sprechen viel emotionaler über Probleme oder Strategien als zum Beispiel mit meinem Partner oder Bruder. Das funktioniert mit niemandem so gut wie mit Silke.

Was uns unterscheidet

Silke
Das finde ich schwer zu beantworten. Vielleicht am ehesten das Alter und die unterschiedlichen Lebensphasen. Sandras Kind ist noch klein, meine fast schon erwachsen. Und vielleicht auch das unterschiedliche Know-how. Aber das trennt uns nicht. Ich profitiere von Sandras Wissen und sie von meinem.

Die nächsten Ziele

Sandra
Superheldin ist im Kern eine Jobbörse. Aber wir haben natürlich Pläne, das Ganze weiter auszubauen. Superheldin soll eine Marke werden, die für das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht. Eine Idee ist zum Beispiel, Workshops anzubieten für Unternehmen und sie in Sachen Familienfreundlichkeit zu unterstützen. Auch das Thema Headhunting ist spannend. Wir bekommen sehr viele Lebensläufe von Müttern zugeschickt. Da liegt es nahe, sie auch proaktiv mit Unternehmen zusammenzubringen. Wir sind dabei, auch noch andere Konzepte und Strategien zu evaluieren. Fest steht, da ist noch sehr, sehr viel Musik drin.

Dein Tipp an andere Gründerinnen bzw. Investorinnen

Sandra
Man sollte für sein Thema und seine Idee brennen. Und man sollte mutig sein – und bleiben. Die Frage, die man auf jeden Fall beantworten sollte, ist: Wo ist der Pain in der Gesellschaft? Wie gelingt es mir mit meinem Produkt, Lösungen dafür anzubieten.

Silke
Beim Thema Mut schließe ich mich an. Ein Start-up zu gründen ist kein Hexenwerk, wenn die Idee stimmt, sie innovativ ist und Wachstumspotenzial hat. Und man sollte keine Scheu haben, sich mit dem Thema Finanzen auseinanderzusetzen. Die Finanzpsychologin Monika Müller hat gesagt: „Das Verhältnis zu Geld ist keine Frage des Geschlechtes, sondern eine Frage der Erziehung.“ Das würde ich sofort unterschreiben. Frauen sind erfolgreich, wenn sie sich trauen. Laut der Auswertung des Peterson Institute for International Economics von knapp 22.000 Firmen, führt der Anstieg von Frauen in Führungspositionen zu einem messbaren Anstieg der Nettoerträge. Und: Frauen sind in mindestens einer Lebensphase alleine für ihr Geld verantwortlich, weil sie später heiraten, sich öfter scheiden lassen oder ihren Partner überleben. Doch sie investieren dieses Vermögen nicht. Die ING-DiBa hat z.B. 2019 eine Privat-Anleger Analyse durchgeführt und festgestellt, dass Frauen die besseren Anleger sind. Das macht Mut und zeigt, dass sie sich auch deshalb verstärkt um das Thema kümmern und zum Beispiel auch in kleine Unternehmen investieren sollten.

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