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Digitalisierung für den deutschen Mittelstand – so kann der eigene Weg gelingen

by Anabel von Ternes

Der Mittelstand, das ist kein Geheimnis, ist der Backbone der deutschen Wirtschaft. Anabel von Ternes von Hattburg, Expertin für Digitalisierung und Tech-Impact-Unternehmerin erklärt in ihrem #F10 Gastbeitrag worauf es ankommt bei der anstehenden Transformation

Dieser Artikel ist auch verfügbar in Englisch

Das Wort Digitalisierung ist für viele zum Unwort geworden, zum Inbegriff für alles, was stresst, kostet und Sorgenfalten auf die Stirn bringt. Natürlich gibt es aber auch viele, die in der Digitalisierung in erster Linie eine Chance oder einfach eine Erleichterung in ihrem Alltag sehen. Denn Digitalisierung kann auch viel Bequemes bringen.

Thomas C., 54 Jahre alt, Geschäftsführer eines mittelständischen metallverarbeitenden Betriebes in der dritten Generation erzählte mir erleichtert: „Es machte einfach keinen Spaß mehr. Die Digitalisierung hat mich erst Nerven gekostet, dann hat sie mich erlöst. Die Produktion musste ich vor ein paar Jahren schon durch den Preisdruck ins Ausland verlegen und die asiatischen Investoren haben mir dann einen guten Preis bezahlt.“

Was Thomas C. berichtet, überlegen aktuell nicht wenige Unternehmer. Schade, wenn die deutsche Wirtschaft gerade eingesessene mittelständische deutsche Unternehmen verliert.

Denn dass die Millionen deutscher Mittelständler Garanten für nachhaltiges Wirtschaften und gelebte soziale Verantwortung in Deutschland sind, wie Mario Ohoven, der im Oktober 2020 verstorbene Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft sagte, ist aus meiner Sicht absolut richtig.

Das bedeutet allerdings eine große Aufgabe für den deutschen Mittelstand. Gerade in dieser Zeit der Krise muss er sich neu aufstellen, muss individuell seinen eigenen Weg in der Digitalisierung finden und sich auf die eigenen Stärken besinnen.

Viele dieser Unternehmen bestehen schon seit mehreren Generationen und sind nicht nur daran interessiert, dass das Unternehmen erfolgreich ist. Hier werden Geschäfte und Unternehmensplanung oft anders geführt als in Konzernen. Häufig handeln diese Unternehmen mitarbeiterfreundlicher und mehr daran orientiert, wie man zu einer Win-Win-Situation aller beteiligten Stakeholder gelangen kann. Die Konzentration des Unternehmers auf das Unternehmen bedeutet allerdings oft auch ein Vernachlässigen von Lobbyarbeit.

Der Mittelstand sollte im Zusammenhalt seine Lobby stärken kann – im Austausch miteinander regional, national und europaweit. Zudem sollten Mittelständler Strategien für die Digitalisierung planen und nachhaltig umsetzen, um ihr Unternehmen zukunftsfähig machen.

Agilität steht dabei an vorderster Stelle – als ein Prinzip, das HR, Organisation, Prozesse und Strategien bestimmen sollte. So ergibt es Sinn, Kunden direkt in die Entwicklungs- und Produktionsprozesse einzubinden, damit sie ihre eigenen Ideen schon während der Entstehung eines Produktes miteinbringen und so das Produkt als ihr eigenes sehen können. Auch ist projektorientiertes Arbeiten in wechselnden Teams sinnvoll, die je nach Bedarf zusammengestellt werden, eine Zusammenarbeit ohne „Ego-Orientierung“ und ein New Leadership leben. Eine Führungskraft agiert in diesem Sinne als Coach, Berater und Experte, der sich in den Dienst der Sache stellt, als Vorbild fungiert, auch in der Verwendung digitaler Tools und zusammen das beste Ergebnis erzielen möchte.

Gut ist vor allem der Mittelständler darin, wenn er auf drei wesentliche Bereiche setzt: die beständige Transformation seines Geschäftsmodells, die Einbindung agiler Elemente und Strukturen an passender Stelle und das Wissensmanagement aus Erfahrung und Weiterentwicklung seiner MitarbeiterInnen. Damit ein Unternehmen im Mittelstand den digitalen Wandel erfolgreich gestalten kann, ist es letztendlich wichtig, dass es folgende sieben Punkte lebt:

  1. Agilität
  2. New Digital Leadership
  3. Lebenslanges Lernen / Weiterbildung für alle MitarbeiterInnen
  4. Klare, transparente, strategische Kommunikation
  5. Werteorientierte Unternehmenskultur
  6. Digitalisierung bzw. ständige Transformation aller dafür sinnvollen Bereiche
  7. Mitarbeiterbeteiligung durch regelmäßige Umfragen, Bottom-up-Beteiligungen und Einbindung aller Statusgruppen in strategische Entscheidungen

Darüber hinaus gibt es einige Prinzipien, die aus meiner Sicht für den Mittelstand wichtig sind, um im digitalen Wandel stark zu bleiben: möglichst keine disruptiven Veränderungen, MitarbeiterInnen mitnehmen und ihnen nicht zu viel zumuten, eigene Wege finden, Werte leben, auf Ausgewogenheit zwischen analog und digital setzen, Erfahrung, Innovation und Planerfüllung. Denn bei allem sind es nicht die Schnellschüsse, die Zukunft gestalten, sondern die Verbindung aus Erfahrung und Innovation in Verbindung mit den richtigen Mitarbeitern.