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Warum wir mehr Frauen in Tech brauchen

COVID, Klimawandel, digitale Transformation: Wir haben große Aufgaben zu bewältigen. Dabei werden uns vor allem Forschung, neuen Technologien und mehr Diversität helfen, sagt Christine Regitz, Head of ‚Women in Tech‘ bei SAP. Ein Interview über Kulturwandel, den Impact von Frauennetzwerken und das Ende von Denkverboten

Dieser Artikel ist auch verfügbar in Englisch

Du hast 2006 das Business Women‘s Network bei SAP mit initiiert. Damals waren solche Netzwerke noch ziemlich neu. Was war der Impuls?

Das Thema Gender war tatsächlich noch nicht auf der politischen Agenda der Unternehmen. Den Namen ‚Business Women’s Network‘ haben wir bewusst gewählt, um zu verdeutlichen, dass der Fokus auf dem professionellen Kontext liegt. Uns war außerdem wichtig, dass unsere männlichen Kollegen es im richtigen Kontext sahen. Später haben wir allerdings auch gehört, dass manche Frauen sich schwergetan haben mit dem Begriff, weil sie sich selbst nicht als ‚Business Woman‘ sehen.

Man sieht: Es ist kompliziert. Was waren denn die Visionen, was wolltet ihr erreichen?

Das übergeordnete Ziel war, mit dem ‚Business Women‘s Network‘ einen Kulturwandel anzustoßen. Ein primäres Ziel, Frauenkarrieren sollten gefördert werden und zwar als eine der zentralen Aufgaben des Unternehmens. Wir haben ganz klassisch einen Business Case dazu erstellt, um es möglichst transparent zu gestalten. Es fehlte ein wirkliches Problembewusstsein. Viele meinten: ‚SAP ist doch ein modernes, progressives Unternehmen, wir haben doch kein Frauenproblem!‘ Erst als die Zahlen auf dem Tisch lagen, wurde deutlich, dass wir kaum Frauen in Führungspositionen hatten. Das war der Ausgangspunkt, zu sagen: ‚Wir müssen sicherstellen, dass wir genug Frauen haben auf allen Ebenen‘. Hinter der Vernetzung stand der Gedanke, Frauen mit ihren Kompetenzen sichtbar zu machen. Dass es, wenn mal wieder eine Managementstelle zu besetzten ist, nicht heißt, es gibt keine geeignete Kandidatin. Es geht dabei übrigens auch um die Außenwirkung auf Bewerber, also dass SAP als interessanter Arbeitgeber wahr genommen wird im Sinne eines ‚Employer of Choice‘ auch für Frauen.

„Das Thema Gender-Diversity ist mittlerweile in unserer Unternehmensagenda etabliert. Unternehmen können es sich nicht mehr leisten, das Thema Geschlechter-Vielfalt nicht ernst zu nehmen.“

Was waren die ersten Schritte?

Wir haben so genannte Awareness-Workshops gestartet, für Männer und für Frauen. Da ging es darum, eigene Verhaltensmuster und stereotype Vorbehalte zu identifizieren. Dieser Workshop war für mich eine Zäsur und hat meinem Blick komplett verändert. Vor allem in Hinsicht darauf, wie wir als Frauen gerne auch mal andere Frauen bewerten. Männer  machen das weniger. Im zweiten Schritt ging es darum, die Frauen zu professionalisieren. Wir hatten u.a. mehrfach die Expertin Dr. Marion Knaths zu Vorträgen eingeladen. Sie kann ganz hervorragend typische Gesten der Macht entschlüsseln, wie zum Beispiel die Hand auf die Schulter des Gegenübers zu legen. Wenn man karrieretechnisch weiterkommen möchte, tut es gut diese Codes zu kennen. Frauen lehnen das ja meist instinktiv ab. Doch die Businesswelt funktioniert nach diesen Prinzipien.

Auch wenn sicherlich noch nicht alle Erwartungen erfüllt sind, hat sich die letzten Jahre doch einiges getan. Wie fällt deine Bilanz aus?

Es hat sich tatsächlich vieles verändert. Das Thema Gender-Diversity ist mittlerweile in unserer Unternehmensagenda etabliert. Unternehmen können es sich nicht mehr leisten, das Thema Geschlechter-Vielfalt nicht ernst zu nehmen. Es ist schlecht für das Image und die Attraktivität eines Unternehmens mit einer 0-Prozent-Zielquote auf der schwarzen Liste der ‚AllBright Stiftung‘ zu stehen. Das Thema ist hoch politisch, und das ist auch gut so. Ich glaube auch, dass sich die Diskussion nicht zuletzt dadurch verändert hat, weil es inzwischen mehr Männer gibt, die Initiativen und Programme wie ‚Business Women‘s Network‘ unterstützen. Einen Wandel schafft man nur gemeinsam.

Du bist auch in vielen Verbänden organisiert und sitzt u.a. im Präsidium der ‚Gesellschaft für Informatik‘. Inwiefern nutzen diese Netzwerke der Karriere?

Ich glaube, dass Frauen sich immer noch viel zu selten in solchen Verbänden organisieren und dadurch Chancen vergeben, sich auch fachlich zu positionieren. Mir hat die Verbandsarbeit dabei geholfen, selbstsicherer zu werden. Bei der ersten Präsidiumssitzung der ‚Gesellschaft für Informatik‘ war ich total überwältigt: Da saß die Crème de la Crème der deutschen Informatikprofessor*innen, alles Koryphäen auf ihrem Gebiet. Natürlich hat es erst mal Überwindung gekostet, in so einer Runde seine Meinung zu sagen. Aber das hat sich schnell gelegt. Man trifft sich hier auf einer anderen Ebene. Das ist ein perfekter Raum, um sich auszuprobieren und souveräner zu werden. Man spürt, dass man Wirkung hat. So eine Erfahrung ist wichtig. Man strahlt auch in seinem Unternehmen ganz automatisch eine andere Selbstsicherheit aus. Deshalb würde ich jungen Kolleginnen unbedingt empfehlen, sich in Verbänden zu engagieren.

 „Jeder, der etwas verändern will in einem Unternehmen, muss Politik verstehen.“

Seit fünfeinhalb Jahren sitzt du außerdem im Aufsichtsrat der SAP. Was ist das Besondere daran, ein Unternehmen auch in diesem Kontext zu erleben?

Das Spannende ist der Perspektivwechsel abseits des Tagesgeschäfts. Man erlebt hautnah, wie ein Vorstand arbeitet und Entscheidungen fällt.  Man versteht plötzlich die Mechanik, die Regeln und Gesetzmäßigkeiten dahinter. Das war eine steile Lernkurve für mich. Gleichzeitig ist es eine komfortable Position, denn man steht an der Seitenlinie. Salopp gesagt ist es wie beim Fußball. Wir sind die Coaches. Die Mannschaft hingegen angeleitet vom Vorstand muss die Strategien umsetzen und so das Match gewinnen.

Was sind die wichtigsten Learnings?

Man lernt unglaublich viel über Politik. Ob das einem nun gefällt oder nicht – es ist wichtig, die Mechanismen zu verstehen. Jeder, der etwas verändern will in einem Unternehmen, muss Politik verstehen. Es geht immer darum, bestimmte Interessen zu vertreten. Als Aufsichtsrätin ist es zum Beispiel meine Aufgabe, dass SAP langfristig erfolgreich ist. Diesem Ziel ordne ich mein gesamtes Handeln und meine Entscheidungen unter. Dabei ist es mir vor allem auch wichtig, dass wir nach fairen Regeln spielen, die für alle Geltung haben.

Ein anderes Thema, das dich antreibt, ist Technik. Seit kurzem bist du Head of ‚Women in Tech‘ bei SAP. Was begeistert dich daran?

Durch Corona haben wir wiederholt gesehen, wie fragil unsere Welt ist und wie schnell wir uns veränderten Gegebenheiten anpassen müssen und auch können. Außerdem sehen wir uns großen Herausforderungen wie dem Klimawandel gegenübergestellt. Zentrale Themen wie diese können wir nur mit Hilfe von Technik bewältigen. Ich glaube an den Fortschritt und ich glaube insbesondere an den technischen Fortschritt. Ich finde aber auch, dass sich Frauen mehr einmischen sollten, um ihre Perspektiven repräsentiert zu wissen. Ansonsten überlassen wir den Männern das Feld, alles in ihrem Framework und mit ihrem Bewusstsein zu lösen. Dazu ist es wichtig, dass wir Frauen ein fundiertes technisches Verständnis entwickeln, um die weibliche Perspektive und Bedürfnisse mit einzubringen. Unser Ziel muss daher sein, Mädchen früh für technische Themen zu begeistern, ihnen spannende Angebote zu machen. Das heißt nicht, dass sie zwingend Physik oder Bauingenieurwesen studieren müssen. Aber dass man sie für die Tech-Branche insgesamt gewinnt und ihnen zeigt, wie spannend diese Branche ist. Wie viele tolle, auch völlig unterschiedliche Frauen in diesem Bereich arbeiten. In meiner Generation war das nicht so offensichtlich.

Gutes Stichwort. Wie bist du in den Tech-Bereich gekommen?

Ich hatte Physik und Mathe als Leistungskurs, und Informatik als Grundkurs. Heute würde ich Informatik studieren, damals war das für mich keine Option. Nach dem Abitur hatte ich keine Ahnung, was ich machen will, also bin ich zur Studienberatung gegangen. Als ich dem Berater sagte, ich wolle Mathematik studieren und wissen wollte, was ich damit beruflich mache später, hatte er zwei Ideen. Zum einen an der Uni bleiben und eine akademische Laufbahn einschlagen. Das kam für mich nicht in Frage. Oder zu einer Versicherung gehen. Er meinte, die bräuchten ganz viele Mathematiker, etwa um Sterbetafeln zu berechnen. Das Thema Mathematik war damit für mich buchstäblich gestorben. Sterbetafeln! Ich habe schließlich BWL studiert und danach noch Physik. Das Schlimme ist: Wenn ich heute mit jungen Frauen spreche, hat sich daran fast nichts geändert. Das kann man aber weder den Berufsberatern noch den Lehrern vorwerfen. Woher sollen sie’s wissen? Die haben einen ganz anderen Alltag und wenig Einblicke in die moderne Arbeitswelt.

Was muss passieren?

Ich möchte, dass irgendwann in der Zukunft möglichst viele Mädchen mit glänzenden Augen sagen: Ich möchte gerne in der Technologie-Branche arbeiten. Die Frage ist, wie wir das schaffen.  Die Herausforderung ist, dass aktuelle Zahlen zeigen, dass wir Mädchen ab einem bestimmten Alter nicht mehr für technische Themen begeistern können. Ganz andere Themen gewinnen an Relevanz, wie beispielsweise TikTok. Ich hatte gehofft, dass ‚Fridays for Future‘ etwas in Bewegung setzen könnte. Leider sehe ich das nicht. Hierbei geht es mehr um das Verbieten statt zu befähigen. Stattdessen sollten wir sagen: ‚Lasst uns mal überlegen, wie wir das Thema mit Forschung und neuen Technologien in den Griff kriegen?‘. Aber so scheint derzeit die Grundstimmung in diesem Land zu sein und das löst unsere Probleme nicht. Das fällt mir vor allem auch durch meine globale Rolle auf. Deutschland ist in hohem Maße technologiefeindlich. Ich halte das für eine Katastrophe! Wir werden unseren Wohlstand nicht halten können, wenn wir immer nur Verzicht propagieren.

„Deutschland ist in hohem Maße technologiefeindlich. Ich halte das für eine Katastrophe! Wir werden unseren Wohlstand nicht halten können, wenn wir immer nur Verzicht propagieren.“

Das lässt sich auch internationalen Ranking ablesen: SAP ist das einzige Tech-Unternehmen von Weltrang …

Das stimmt. Und SAP wurde in den 70ern gegründet. Das war eine ganz andere Zeit. Ich frage mich ernsthaft, ob ein Unternehmen wie die SAP heutzutage in Deutschland überhaupt noch möglich wäre, ob es überhaupt die Chance gäbe, so groß zu werden.

Woher kommen diese reflexhafte Ablehnung allem Neuen gegenüber?

Gute Frage. Ich selbst komme aus der Friedens- und Ökologiebewegung der Achtziger Jahre. Wir waren damals alle gegen Atomkraft, als Tschernobyl passierte war ich gerade 20. Seit dieser Zeit haben wir uns komplett aus der Forschung rund um die Kernkraft herausgezogen. Ich finde, gerade wegen des Klimawandels, müssen wir eine Diskussion führen und uns nicht aus der Forschung zu einzelnen Themen komplett zurückziehen. Die Debatte muss versachlicht werden, statt ihr auszuweichen und den technologischen Fortschritt schlecht zu reden.

Was setzen wir damit aufs Spiel?

Nichts Geringeres als unsere Zukunftsfähigkeit. Und es gibt so viele Anwendungen aus dem Alltag, die zeigen, wie kurzsichtig das ist. Nehmen wir das Beispiel die Pflege. Wir haben mal von der ‚Gesellschaft für Informatik‘ gemeinsam mit Fachverbänden ein ‚Pflege 4.0‘-Symposium veranstaltet und diskutiert, was Digitalisierung in der Pflege bringen könnte bzw. welche digitalen Kompetenzen relevant werden. Was das für positive Auswirkungen hätte, wenn man Altenpfleger*innen mit einem iPad ausstatten würde! Einen Großteil ihrer Zeit verbringen sie mit dem Ausfüllen irgendwelcher Papier-Formulare. Mit Tablets könnten sie alles viel effizienter, direkt erfassen und weiterleiten und könnten diese gewonnene Zeit ihrem eigentlichen Job, der Pflege, widmen. Das ist nur ein Beispiel, wie wir Chancen verpassen. Statt Möglichkeiten zu sehen, werden hauptsächlich die Risiken diskutiert. Statt zu überlegen, wie uns Künstliche Intelligenz in Zukunft helfen kann, werden Ängste geschürt. Und deshalb müssen wir unbedingt erreichen, dass junge Menschen ein Funkeln in den Augen haben, wenn sie über Technologie sprechen. Das gilt für Frauen und Männer gleichermaßen.

Dieser Artikel ist auch verfügbar in Englisch

Dieser Artikel ist Teil einer inhaltlichen Kooperation zwischen FemaleOneZero (F10) und SAP SE. In der neu eingerichteten Kategorie „Tech Agenda“ auf # F10 möchten wir interessante Frauen aus SAP Labs weltweit vorstellen, wichtige Interviews mit Vordenkern und Hintergrundgeschichten zu Digitalisierung und Innovation veröffentlichen.

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