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Die Zukunft von Venture Capital

by Natascha Zeljko

Sohaila Ouffata ist Director Platforms bei BMW i Ventures Europe und eine der ersten Frauen mit afrikanischer Herkunft in einer wichtigen Führungsposition im deutschen VC-Ökosystem. In ihrer Vision für die Zukunft ist Technologie der Schlüssel zu einer transparenteren, demokratischeren und nachhaltigeren Gesellschaft. In diesem Interview spricht sie über technologische Innovation und den Vorstoß für Vielfalt in der Finanzwelt

Dieser Artikel ist auch verfügbar in Englisch

Einige Menschen begegnen digitalen Themen immer noch mit einer gewissen Skepsis; dabei ist die Digitalisierung eine Voraussetzung, um die drängenden Probleme der Zukunft zu lösen. Wo liegen deiner Meinung nach die größten Chancen?

Wir sollten uns nicht dazu verleiten lassen, in Extreme abzudriften. Leider ist unsere gesamtgesellschaftliche Debatte durch eine zunehmende Polarisierung geprägt, ähnlich ist es auch beim Thema Tech. Auf der einen Seite dominieren Zukunftsängste und eine eher ablehnende Haltung. Auf der anderen Seite wird Tech als eine Art Ersatzreligion gesehen, der alles untergeordnet wird. Ich halte es hier eher mit der Mitte und empfehle einen Blick auf die Geschichte: Technologischer Wandel ist immer einhergegangen mit höherem Wohlstand, Demokratisierungsprozessen und einer verbesserten Lebensqualität. Über die letzten Jahrhunderte hinweg hat sich die Gesellschaft deutlich nach vorne entwickelt – und das hat sehr viel mit technologischen Neuerungen zu tun. Ablehnungstendenzen gab es immer. Nehmen wir nur die Vorbehalte gegen das Automobil. Viele Menschen fanden es verrückt, vom Pferd aufs Auto umzusteigen. Aus meiner Venture Perspective spreche ich gerne von tech-enabled efficiency. Wenn man sich disruptive Technologien genauer ansieht, dann ist das zugrunde liegende Muster immer Effizienz. Und wo Effizienz gesteigert wird, entsteht nicht nur Wohlstand, sondern auch potenziell mehr Freiraum, sowohl für Individuen als auch die Gesellschaft.

Man kann das ganz gut an der Landwirtschaft illustrieren, wieviel Verbesserungen Innovationen den Menschen gebracht haben. Wie hart und körperlich auszehrend so ein Leben vor 100 Jahren war…

Absolut. Es gibt aber noch einen anderen, interessanten Aspekt, und zwar den der Nachhaltigkeit. Auch da ist ein Blick auf die Geschichte interessant. Lange Zeit basierte unser Wohlstand auf der Ausbeutung von Ressourcen – z.B. natürlichen Rohstoffe. Hier hat die Technologie das Potenzial, negative Entwicklungen zu nivellieren, Transparenz zu schaffen und Veränderungsdruck aufzubauen.

Was treibt dich persönlich an bei diesem Thema – abgesehen von der grundsätzlichen Neugier und Offenheit, die man in diesem Ökosystem ohnehin braucht?
Ich verstehe mich als Next Generation Venture Capitalist. Die weltverändernden technologischen Lösungen von morgen werden von einem ganz neuen Gründer-Typus getrieben – konsequenter Weise erfordert das in Zukunft auch einen anderen Typus des VC. Das ist eine Veränderung in unserer Industrie, die noch gar nicht richtig wahrgenommen wird, weil die Start-up und Tech-Branche so bunt und jung und flexibel wirkt. Die Finanzierungseite ist dagegen noch wenig divers, da fängt der Kulturwandel gerade erst an. Das sieht man an meinem Background. Noch vor Jahren wäre es für jemanden wie mich als Frau mit afrikanischen Wurzeln eher unwahrscheinlich gewesen, in der Rolle einer Automotiv-Tech-Investorin in Deutschland zu sein. Und dieser Wandel ist das Spannende in unserer Branche. Die Welt verändert sich. Und ich freue mich, Teil dieser Veränderung zu sein.

 

 

Was hat sich noch verändert in deinen Augen?

Es gibt ein neues Mindset. Die Gründer wollen mit ihren Companys einen positiven gesellschaftlichen Beitrag leisten. Der Purpose gehört zu ihrer DNA. Das ist das Tech-4-Good-Movement von dem ich oft berichte.

Wie siehst du deine Rolle als VC? Inwiefern bietet dieser Job auch im hohen Maße Gestaltungskraft?

Wir tragen Verantwortung durch die Allokation unserer Investments. So gesehen ist diese Funktion natürlich immens wichtig. Gerade in einer Frühphase hat man meist nur wenige Informationen und investiert auf Grundlege der Kompetenzen des Gründerteams. Und hier kommt der berühmte unconscious bias ins Spiel. Investiert man in Gründer, die einem selbst ähnlich sind? In der Vergangenheit bedeutete das immer: Jung, weiß, männlich, Ivy-League-Abschluss – das heißt, da haben viele Investoren ihre Mini-Mes nachgezüchtet. Das Problem dabei ist, dass man auf diese Weise niemals diese wirklich disruptiven Outlier sehen wird, weil man immer nur das eigene Denkschema reproduziert. Deswegen ist es zwingend erforderlich, dass eine neue Generation von VCs in tragende Entscheidungsfunktionen kommt. Auf der Ebene der Analysts, Associates etc. gibt es schon mehr Diversität, aber auf Top-Management Level ist da noch Aufholbedarf – global, vor allem aber in Deutschland.

Was könnte helfen, damit sich das schneller ändert?

Veränderungen werden ja meistens dann vorangetrieben, wenn Druck da ist. Und im Fall der VCs kommt der Druck gerade von mehreren Seiten. Zum einen durch das neue Mindset der Geldgeber, die hinter den Fonds stehen – bei den LPs z.B.  Pensionsfonds oder andere institutionelle Investoren. Heutzutage achten LPs zunehmend auf „Diversity“ und erwarten, dass entsprechend geliefert wird. Zum anderen kommen die Impulse aber auch von den Gründern selbst. Die richtig guten Founder können sich aussuchen, von wem sie das Kapital nehmen. Die stellen die richtigen Fragen, und achten zudem darauf, ihr Board entsprechend zu besetzen, damit da eben nicht die immer gleichen VC Partner sitzen. Und natürlich gibt es da auch viele Lippenbekenntnisse und Trittbrettfahrer, die auf Themen wie Diversity oder Sustainability mit draufspringen. Aber im Ergebnis zeigt sich: Es funktioniert nur, wenn echtes Committment dahinter steckt. Insgesamt ist das alles ein Spiegel des aktuellen Zeitgeistes. Die VC Branche kann sich dem auch nicht mehr entziehen.

Wo wir gerade von Druck sprechen: Deutschland hat das Auto ja erfunden; wie verhindern wir, dass uns andere nun davonfahren? Manche behaupten ja, das sei schon passiert. Wie schätzt du hier die Lage ein?

Das ist sehr komplex und die Situation hat sich natürlich durch die Pandemie weiter verschärft. Die öffentliche Debatte wird in meiner Wahrnehmung zu eindimensional geführt. Viele reduzieren die strukturellen Herausforderungen auf das Thema Elektromobilität. In diesem Bereich haben zwar einige OEMs noch Aufholbedarf, aber die meisten sind hier weiterhin in ihrem Kompetenzgebiet unterwegs und ziehen rasch nach. Die größere Gefahr erwächst aus der all-digital DNA neuer Player und der Tatsache, dass viele dieser Start-ups am Markt Zugang zu sehr viel Kapital haben. Es gilt wie in allen Branchen, dass neue Wettbewerber am Markt ohne IT- oder Prozesslegacy starten und dadurch schnell sind.

Das ist ein spannender, wenn nicht der alles entscheidende Punkt. Erklär mal…

Im Automotive Bereich ändert sich zunehmend die Art und Weise wie Autos konzipiert, entwickelt und auf den Markt gebracht werden – nämlich wie in der Tech-Welt üblich auf Basis einer „Software-Plattform“ und im Produktverständnis als Software-Lösung, die nach dem Verkauf weiterentwickelt und optimiert wird. Durch iterative Verbesserung wird aus einem Auto auf einmal ein Produkt, das die Kunden begeistert im „unvollständigen“ Zustand erwerben und durch Software Updates kontinuierlich upgraden.  Über diese Update-Funktionalität („over the air updates“) kann ein Auto zudem auch über den gesamten Lebenszkylus  weiter monetarisiert werden. Das heißt, wir sprechen von einem Wandel des Geschäftsmodels. Und von einer Schnelligkeit, die nicht mehr in die aktuelle oder ehemalige Prozesslandschaft passt. Die traditionellen OEMs (Original Equipment Manufacturer) haben schon massiv nachgesteuert und Kernkompetenzen in Feldern wie AI aufgebaut. Da passiert schon unheimlich viel und deshalb ist es auch gerade der spannendste Bereich, in dem man sein kann. Daneben gibt es aber eine weitere Dimension, die manche Autobauer oftmals unterschätzen, und zwar den Wert des Storytelling. Innovations-Führer ist derjenige, der die Fantasie der Menschen – auf der Konsumenten Seite, aber auch auf der Anleger Seite – beflügelt. Wenn wir jetzt mal auf die Börsenwerte schauen, dann wird relativ schnell klar, dass manche Player im Markt das sehr erfolgreich geschafft haben, weil ihre Bewertung weit über einen klassischen Unternehmenswert hinaus geht.

Nicht nur die Technologie und Arbeitsweise, das Konzept von Mobilität hat sich auch insgesamt verändert…

Absolut. Da geht es um holistischere Fragen, etwa: Wie sehen die Städte zukünftig aus, welche Form der Mobilität nutzen wir? Was bedeutet es, wenn wir in selbstfahrenden Autos schlafen oder Medien konsumieren können? Das ist faszinierend.

Inwiefern hat Corona den Wandel noch zusätzlich befeuert?

Es wird ja oft gesagt, dass Corona wie ein Brandbeschleuniger wirkt. Das stimmt. Branchen, die vorher bereits Probleme hatten, weil sie die Digitalisierung verschlafen oder zu zögerlich angegangen sind, stehen auf der Kippe. Das beobachte ich leider ganz oft im Mittelstand. Einige Firmen müssten jetzt unheimlich aufholen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Das ist ein toughes Umfeld – die Pandemie hat existierende Schwachstellen aufgedeckt. Die großen Gewinner sind klar die Plattform-Modelle, wodurch der Strukturwandel z.B. im Einzelhandel beschleunigen wird. Unsere Innenstädte werden sich verändern. All das, was viele lieben, die vielen kleinen Geschäfte, werden möglicherweise verschwinden. Das ist die negative Seite. Es wird aber auch positive Veränderungen geben. Zum Beispiel bei Gewerbeimmobilien, die ja ein heißes und knappes Gut in den großen deutschen Innenstädten waren, und jetzt einfach nicht mehr in dem Maße genutzt werden. Die Immobilienplanung wird sich ändern. Was passiert mit den Flächen? Werden wir zukünftig unsere Lebensmittel auf diesen Dächern anbauen? Und so die Chance haben, uns regional nachhaltig zu ernähren? Und das ist das Spannende an einer Krise, sie bietet das Potenzial für etwas Neues.

Wobei der Staat hat in der Pandemie stark eingegriffen, auch in die Wirtschaft. Wie bewertest du das?

Das ist tatsächlich ein kritischer Punkt. Wenn ich mir die immensen Summen ansehe, die jetzt im Kontext der Pandemie mobilisiert wurden, hätte ich mir gewünscht, dass stärker in Zukunftstechnologien investiert wird. Wir haben in den letzten Jahren zu sehr an der schwarzen Null festgehalten und viel zu wenig getan, um die Digitalisierung voranzubringen. Und das, obwohl wir doch grundsätzlich innovativ sind! Immerhin haben wir mit Biontec den ersten Impfstoff entwickelt. Das hätte man viel größer feiern müssen.

Wo wir schon mal dabei sind, was anders werden muss: Drei Sätze oder Phrasen, die du nicht mehr hören kannst?

Nummer eins: Wenn Leute bzw. Unternehmen sagen, Diversity sei ihnen wichtig – und glauben, es sei damit getan, eine Frau einzustellen. Diese alte Denke ist bei uns im deutschsprachigen Raum leider noch sehr verbreitet, da sind andere Länder viel weiter. Dort hat man schon länger verstanden, dass Diversität jenseits von Gender Vielfältigkeit in jeglicher Dimension meint. Nummer zwei: Wenn ich ein all male Board oder Panel erlebe und oder mit VCs zusammenarbeite, die keine einzige Frau oder PoC im Team haben, und es dann heißt: Wir finden niemanden. Ich sage immer: „If it’s tough, then you have to look harder.“ Das geht übrigens auch an die eigene Adresse. Wenn ich selbst verhindert bin für einen Panelauftritt, suche ich eine andere Frau, die mich ersetzen kann. Und Nummer drei – das ist schon fast lustig, ist der Satz: „Du kannst aber gut Deutsch.“

Und zum Schluss bitte noch deine „Big Three of Success“. Was braucht es deiner Meinung nach, um erfolgreich zu sein?

Diese Frage ist natürlich sehr individuell. Für mich ist es Authentizität. Es ist unheimlich wichtig für mich, die Person sein zu können, die ich bin. Das Innere nach außen zu tragen. Aus meinen Stärken heraus zu schöpfen. Mich nicht verstellen zu müssen. Daraus kommt meine Kraft. Ich bin keine professionelle Schauspielerin. Das heißt, ich bin am allerbesten, wenn ich genauso sein kann, wie ich bin. Zum anderen – und das ist übrigens etwas, das ich oft auch Gründern empfehle: Es geht um Klarheit in der Intention. Dieses kurze Innehalten und Reflektieren ist ungeheuer wichtig und ist glaube ich, die Basis meines Erfolgs. Und schließlich: Respekt Das hat mir mal ein Bouncer in einem der legendären House Clubs in London vor 15 Jahren gesagt. You know, Sohaila, it’s all about respect! Er hat Recht. Wir vergessen das oft, vor allem, wenn wir getrieben sind und aufs nächste Ziel zusteuern. Es ist wichtig, den Menschen um uns herum, aber auch uns selbst gegenüber mit Respekt zu begegnen.

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