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Mehr Struktur, mehr Achtsamkeit, mehr professionelle Hilfe: Was wirklich hilft gegen Mental Load

Corona ist ein Stresstest für die Seele. Darum kommt es jetzt mehr denn ja darauf an, auf sich zu achten und Warnzeichen ernst zu nehmen. Thomas Schneevoigt, Coach für psychodynamische Prozesse, über ungelöste Konflikte, die beste Prävention gegen Mental Load und überraschende Erkenntnisse aus der Forschung

Dieser Artikel ist auch verfügbar in Englisch

Mental Health ist ja das Thema unserer Zeit. Dabei ist es nicht erst seit Corona akut. Warum sprechen wir jetzt so viel darüber?

Weil sich das Problem verschärft hat. In Deutschland sind laut RKI (Oktober 2020) fast 28 Prozent der Erwachsenen von einer psychischen Störung betroffen; Jugendliche und Kinder, die auch massiv unter der Krise leiden, nicht mitgezählt. Das hat nicht nur einen enormen Einfluss auf die Lebensqualität, sondern auch auf die Lebenserwartung. Menschen mit psychischer Erkrankung sterben im Durchschnitt zehn Jahre früher. Alle drei Risikotrigger gemäß Definition WHO werden durch die Pandemie verstärkt. Das ist ein massiver Angriff und einzigartig. Erstens: individuelle Merkmale, dazu zählen genetische und biologische Eigenschaften. Zweitens: Umfeldfaktoren wie etwa Sozial- und Wirtschaftspolitik. Drittens: soziale Verhältnisse wie der sozioökonomische Status sowie Lebens-, Bildungs- und Arbeitsverhältnisse. Das heißt, bestehende psychische Störungen brechen erstmals oder erneut auf, vor allem, wenn sie nicht behandelt oder gut aufgelöst wurden.

Was sind denn die häufigsten Themen/Problemstellungen, mit denen die Leute zu dir kommen?

Ohne auf den Einzelfall einzugehen, kann ich insgesamt feststellen: Viele Klienten*innen haben Konflikte am Arbeitsplatz oder aktuell in der Beziehung. Der eigentliche Konflikt liegt viel tiefer. Die Situation im Job oder Dissens in der Beziehung sind eher ein Symptom. Die eigentliche Ursache liegt im früheren Erlebten, in der Kindheit oder im weitesten Sinne in der Familie. Bei Verlustängsten kann das auch zurückreichen zur Generation der Großeltern, die beispielsweise im Zweiten Weltkrieg alles verloren haben. Solche traumatischen Erfahrungen können übertragen werden und sind in uns abgespeichert. Beim entsprechenden Setting, wie in der Pandemie, werden sie aktiv. Zum anderen werden die Menschen aber auch durch die Isolation und den Mangel an Ablenkungsmöglichkeiten auf ihre inneren Konflikte aufmerksam. In diesem Sinne ist die Krise ein Beschleuniger, ein Leidensdruck wird spürbar und drängt die Menschen, sich persönlich auseinanderzusetzen damit. Übrigens ist die Erwartung meiner Klienten*innen an ein bestimmtes Verhalten an Führungskräfte besonders hoch. Auch sie haben Ängste, Panik und ihre eigenen Themen.

Was sind denn – über den Einzelfall hinaus – Lösungsvorschläge?

Zunächst einmal ist es wichtig, um das Prinzip Coaching zu verstehen und richtig einzuordnen, dass ich als Coach keine konkreten Lösungsvorschläge gebe. Ich arbeite mit meinen Klienten*innen gemeinsam auf Augenhöhe an der Stärkung seines*ihres Selbstmanagements oder der Rollenidentität. Ich unterstütze seine*ihre Selbstreflektion. Es ist für eine*n Betroffene*n nahezu nicht möglich, die inneren Konflikte unbegleitet aufzulösen. Grundsätzlich gilt es, sich selbst zu beobachten und achtsam mit sich umzugehen. Es ist gerade jetzt sehr wichtig, Emotionen (Angst, Panik, Wut, Trauer, etc.) bewusst zu erleben und nicht zu verdrängen. Emotionen und körperliche Signale ernst zu nehmen und nicht zu versuchen, die Dinge zu lange mit sich selbst auszumachen. Generelle Lösungsvorschläge: In der Pandemie habe ich festgestellt, dass vor, während oder nach einem Coachingprozess, je nach Verfassung des*der Klienten*in, einfach ein paar Sachen zu regeln oder überdenken sind: Auf die körperliche Verfassung achten, zum Check-up gehen und Sport treiben. Wer sich in einer Krise auch noch Sorgen um seine Gesundheit macht, leidet doppelt. Zweitens, sein soziales Umfeld und das Jobumfeld einer kritischen Prüfung unterziehen: Tun mir die Leute gut um mich herum oder zerren sie zusätzlich an meiner Energie? Man weiß, dass Altruismus positiv auf die Psyche wirkt, dennoch sollte man sich die Frage stellen, ob man überhaupt in der Lage ist und genügend Ressourcen hat, anderen zu helfen. Bezogen auf den Job sollte man – natürlich zum richtigen Zeitpunkt – ebenfalls reflektieren: Bin ich überhaupt der Typ für eine Selbstständigkeit oder Festanstellung? Und schließlich seine Dinge sortieren und regeln. Sprich die Steuererklärung nicht noch länger vor sich herschieben und auch seine Finanzen insgesamt zu überprüfen.  Das handelt jeder individuell, aber meiner Erfahrung nach hilft es sehr in der Sache.

Vor allem Frauen haben ja tendenziell mehr zu kämpfen damit, weil sie überproportional viel Care-Arbeit leisten. Man spricht in diesem Zusammenhang von mental load. Was kann man speziell ihnen raten?

Das hört sich vielleicht paradox an, aber die Coronakrise hat auch einiges Positives bewirkt, indem Männern überhaupt erst bewusst wurde, wie mühsam und anstrengend Care-Arbeit ist. Ich möchte dazu motivieren, dass sich Frauen situativ besser abgrenzen sollten. Als Mutter dürfen Sie auch an sich denken und nicht das scheinbare Wohl des Kindes über alles stellen. Stichwort: Qualitative Zeit. Frauen sollten sich trauen, ihre Bedürfnisse authentisch zu artikulieren und sich aus der Perfektionsfalle befreien. Oft liegen dabei traditionelle oder übernommene Verhaltensmuster zugrunde. Das gilt übrigens für beide Geschlechter. Und noch eine kleine Übung zur Reflektion: Überlegen Sie mal, wer Sie waren, als Sie nackig auf dem Wickeltisch lagen, also bevor Eltern, Großeltern, Lehrer, etc. einem gesagt haben, wer man ist, was man unbedingt tun und lassen sollte und was das Beste für einen ist. Es geht darum herauszufinden: Wie war ich als Kind? War ich ein Forscher und bin jetzt in der kaufmännischen Abwicklung gelandet? War ich ein introvertiertes Kind und muss jetzt ständig vor Leuten präsentieren und auf Bühnen, obwohl ich „sterbe“ vor Angst?

Kann man das international einordnen, kämpfen die Deutschen mit anderen Problemen, weil sie zum Beispiel sehr sicherheitsfixiert sind. Stichwort: German Angst?

Im EU-Durchschnitt leiden Deutsche überdurchschnittlich stark an psychischen Krankheiten. Trotzdem würde ich im Business-Kontext bezweifeln, dass German Angst der richtige Begriff ist. Was ich feststellen kann, ist, dass die Verunsicherung sehr groß ist. Das liegt auch daran, dass in Deutschland der berufliche Status einen enormen Stellenwert hat. In Zeiten des Umbruchs in der berühmten VUCA-Welt, wirkt das verstärkend. Deutsche Unternehmen haben über Jahrzehnte dafür gesorgt, Mitarbeiter von der Ausbildung bis zur Rente an ihre Organisation zu binden. Generationen wurde die Mobilität, die notwendige Flexibilität, in Teilen auch die Verantwortung für das eigene Kompetenzmanagement genommen. Umso konträrer die Erwartung der jüngeren Generation. Berufseinsteiger der letzten zehn Jahre sind eher irritiert über lange Kündigungsfristen und fürchten um ihre Spontaneität, den Job rechtzeitig zu wechseln. Sie sind gut ausgebildet und als Erbengeneration wirtschaftlich freier; manchmal auch waghalsiger.

Was ist die Verantwortung der Unternehmen in diesem Kontext? Die beginnen ja gerade, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen – man könnte auch sagen: es ernst zu nehmen.

Die Unternehmen haben ein großes Eigeninteresse, ihre Organisation gemäß den Anforderungen anzupassen. Nach der Welle der übermächtigen Konzernstrukturen, ist nun die Tendenz gegenläufig. Es geht darum, schnell und wirksam zu sein. Mitarbeiter*innen arbeiten z.B. in agilen Teams und/oder im Homeoffice und fragen nach dem „WARUM“. Viele Mitarbeiter*innen und Führungskräfte können mit den VUCA-Anforderungen noch nicht schritthalten und müssen auf dem Weg der Transformation stärker begleitet werden. Führungskräfte werden ihre bisherige Funktion aufgeben. Aber auch junge Mitarbeiter*innen und Auszubildende brauchen Orientierung, wenn alles „agile“ ist. Deshalb ist es sinnvoll, Unternehmen, Führungskräfte und Mitarbeiter*innen nicht auf „ein“ neues Modell einzuschwören, sondern sie dabei zu unterstützen, mit Unsicherheit und Veränderung umzugehen. Es muss ihnen Zugang in Form von Aus- und Weiterbildung, sowie in Form von Individualberatung zu den notwendigen Kompetenzen ermöglicht werden. Sie müssen aber auch künftig viel mehr Eigenverantwortung übernehmen.

Thomas Schneevoigt ist zertifizierter Coach für psychodynamische Prozesse. Er war zuvor viele Jahre als Führungskraft im kaufmännischen- und Finanzbereich eines Konzerns tätig. Menschen in der Globalisierung, Glokalisierung und Digitalisierung bewegen ihn. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Vera Schneevoigt und Freunden, Anabel Ternès von Hattburg und Johannes Ebner-Link, haben sie im Sommer 2020 das Unternehmen „Guiding for Future“ zur Kompetenzvermittlung von Themen zur gesunden Digitalisierung und zur Nachhaltigkeit gegründet. Mit einem starken Expertennetzwerk von Coaches, Trainern, Mentoren, Speakern und Moderatoren verstehen sie sich als Gastgeber, Kundenversteher, Impulsgeber, Netzwerker und Lösungsfinder.

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