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Keine Angst vor Künstlicher Intelligenz

In der Digitalszene ist Kenza Ait Si Abbou inzwischen ein Star. Jetzt möchte die Expertin für Robotics und Künstliche Intelligenz auch außerhalb ihrer Blase die Menschen für Technik begeistern und hat darüber ein Buch geschrieben. Ein Gespräch über digitales Know-how, echte Chancen und die größten Missverständnisse

Dieser Artikel ist auch verfügbar in Englisch

Dein Buchtitel „Keine Panik, ist nur Technik“ lässt ja tief blicken. Warum gibt es solche Vorbehalte gegenüber diesen Themen?

Diese Ängste sind meist mit Robotik und künstlicher Intelligenz verbunden. Kein Mensch hat Angst vor dem Smartphone, obwohl da auch viel Technik verbaut ist. Im Kern steckt dahinter die Furcht vor Kontrollverlust. Das, was wir nicht kennen, macht uns Angst. Und als Reflex wählen wir die Vermeidungsstrategie, statt uns damit auseinanderzusetzen. Was leider die falsche Reaktion ist. Wie sagte Marie Curie so treffend: „Nothing in life is to be feared, it’s only to be understood.“

Trotzdem lieben die Leute Science Fiction. Woher kommt dann diese Furcht?

Das hat viel mit der medialen Vermittlung zu tun. Wenn über KI berichtet wird, dann wird da ein düsteres Bild gezeichnet. Die Leute haben da ganz schnell das Terminator-Klischee im Kopf. Und hier beginnt bereits der Fehler. Denn das ist eine rein äußerliche Darstellung, das ist die Hardware. KI hat aber vor allem mit Software zu tun.

Du hast viel im Ausland gelebt, unter anderem in Spanien und China. Hat Deutschland ein skeptisches Verhältnis zu Technik?

Ja, das würde ich schon sagen. Und interessanter Weise hat das mit der Angst vor Kontrollverlust, über den wir gesprochen haben, zu tun. In Deutschland muss alles nach Plan laufen. Und wenn es das nicht mehr tut, verfällt man in Schockstarre. Das Gefühl, etwas nicht mehr steuern zu können und improvisieren zu müssen, damit kann die deutsche Kultur nicht gut umgehen. Was fehlt, ist Flexibilität. Das habe ich oft in meinem Berufsalltag, im Projektmanagement erlebt. Und deshalb tut man sich schwer, sich darauf einzulassen, dass jetzt Maschinen selbst lernen und bestimmte Aufgaben übernehmen – wobei man den Stand der Technik gleichzeitig maßlos überschätzt. Wir stehen in vielen Bereichen erst am Anfang, da steckt man noch in der Forschung. Da müssen noch zig Qualitätsmaßnahmen und Sicherheitskontrollen durchlaufen werden. Da gibt es hohe Standards. Wir sprechen schließlich von Deutschland!

Einerseits herrscht eine irrationale Angst vor Robotern und gleichzeitig übersieht man dabei reale Risiken, die zum Beispiel von Social Media ausgehen. Wie lässt sich diese Schizophrenie erklären?

Richtiger und wichtiger Punkt. Ich würde allen raten, die es noch nicht getan haben, sich ‚The Social Dilemma‘ auf Netflix anzusehen. Das ist wirklich scary. Da versteht man, wie viel wir durch unsere Daten preisgegeben haben. Dass die Systeme inzwischen unseren nächsten Einkauf vorhersagen können und besser über uns Bescheid wissen, als wir selbst. Das ist aber noch nicht mal das Schlimmste. Viel verheerender ist, dass Social Media zur Polarisierung der politischen Lager beitragen und in letzter Konsequenz eine Bedrohung für die Demokratie darstellen kann. Trotzdem ist das gefährliche hier nicht die Technologie selbst, sondern wie wir die Technologie verwenden. Ich nutze dazu gerne die Analogie mit einem Brotmesser: Es kann Brot schneiden und es kann Menschen verletzen. Es liegt an uns, wie wir das Messer, oder eben die KI, nutzen.

Man sieht: Wir müssen noch viel mehr Aufklärungsarbeit leisten…

Absolut. Wenn Menschen nicht wissen, nach welchem Prinzip diese Social Media Plattformen oder auch KI funktioniert, können sie beispielsweise die Diskussionen um Privatsphäre und Datensparsamkeit nicht nachvollziehen. Und ohne Wissen können die Menschen auch nicht verantwortungsbewusst mit den Plattformen oder mit den eigenen Daten umgehen.

Macht dir diese Vermittlerrolle Spaß und Menschen die KI-Welt zu erklären?

Ja. Das Schöne an diesen – wie ich sie nenne – AI For Everyone-Workshops ist, dass man ganz schnell einen Effekt sieht. Wenn die Leute am Anfang noch zurückhaltend sind, haben sie nach diesen Vorträgen ihre Angst und Skepsis abgelegt. Das kann man ihnen am Gesicht ablesen. Ich hoffe sehr, denselben Effekt mit meinem Buch zu erreichen.

Haben die Menschen auch eine Bringschuld, also eine Verpflichtung, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen? Die Informationen sind ja schließlich da, nicht zuletzt durch solche Angebote wie deinem Buch.

Ja, das finde ich schon. Das war auch der Impuls, dieses Buch zu schreiben: Ich möchte diese Themen einem breiteren Publikum erklären. Und ich habe bewusst dieses ‚alte‘, herkömmliche Medium Buch gewählt. Mein Ziel ist es, Menschen zu erreichen, die noch nicht so viel Wissen zum Thema Digitalisierung haben. Deshalb haben wir auch bewusst eine lifestylige Covergestaltung gewählt. Aber den Punkt mit der Bringschuld finde ich ganz interessant. Man kann nicht immer nur jammern, dass das alles so komplex ist und man die Welt nicht mehr versteht. Man muss schon auch etwas tun dafür. Es fängt ja schon an, dass immer mehr Bankfilialen schließen. Bald wird es keine Bankfiliale oder auch Postfiliale mehr geben. Bald kannst du nicht mehr ohne Handy deine Bankgeschäfte erledigen. Und auch die Berufsfelder werden sich in Zukunft komplett verändern – ohne Ausnahme. Es wird keinen Job geben, wo Automatisierung und das maschinelle Lernen keinen Einfluss haben werden. Übrigens auch nicht in der Kreativwirtschaft. Selbst die Komposition von Musik, von Filmen, von Trailern und Texten, ja, selbst Prosa. All das kann KI leisten.

Deshalb ist Bildung so wichtig, und vor allem auch die jungen Mädchen für Technik zu begeistern. Du bist in dieser Hinsicht für viele ein Rolemodel. Fühlst du dich wohl damit?

Ich persönlich habe ein gespaltenes Verhältnis zum Thema Rolemodel. Das liegt auch daran, dass ich selbst nie Rolemodels gebraucht habe. Ich habe von klein auf einfach das gemacht, was mich interessiert hat und worauf ich Lust hatte. Ich brauchte niemanden, an dem ich mich orientieren kann. Aber man hat mir dieses Label nun mal angeheftet. Und wenn ich damit etwas bewegen kann, ist es auch okay. Mir geht es tatsächlich um die jungen Mädchen und wie wir ihr Selbstbewusstsein stärken können. Es gibt viele Studien, die zeigen, dass die mit sechs, sieben Jahren noch total aufgeschlossen sind für Tech-Themen und im gleichen Verhältnis an Robotics- oder Informatik-Kursen teilnehmen. Ein paar Jahre später, bei den Elfjährigen sinkt der Anteil bereits auf 20 Prozent. Die Pubertät ist das kritische Alter, da verlieren wir die Mädchen. Deshalb muss man da gegensteuern und sie zwischen sechs und neuen Jahren beeinflussen und ihr Selbstbewusstsein stärken. Man muss in dieser Phase für erste Erfolgserlebnisse sorgen. So dass sie dann, wenn sie in die Pubertät kommen, nicht wieder abspringen.

Worauf müssen wir uns einstellen die nächsten Jahre? Worauf wird es ankommen?

Wir werden ganz viel on the job lernen müssen. Mit Büchern, Blogs, Videotutorials. Oder vielleicht sogar mit einem Zweitstudium, einem Master. Mit hundertprozentiger Sicherheit werden neue Jobs entstehen, von denen wir heute gar nicht wissen, dass es sie geben wird. Wer hätte vor fünf Jahren gedacht, dass Data Scientists einmal zu den begehrtesten Jobs gehören werden? Oder Mathematiker? Vor zehn, 15 Jahren hatten die Probleme, einen Job zu finden, weil es keine Berufsbilder gab. Das muss man sich mal vorstellen! Heute können die sich, noch bevor sie fertig studiert haben, kaum retten vor Jobangeboten. Und auch Geisteswissenschaftler wie Linguisten haben völlig neue Einsatzgebiete, etwa wenn es darum geht, Chatbots zu programmieren. Oder Psychologen, die wissen, wie wir funktionieren und agieren im Hinblick auf die Mensch-Maschine-Interaktion. Oder Soziologen, die erklären und prognostizieren können, welchen Impact das alles auf die Gesellschaft haben wird. Zu all dem kommt noch eine veränderte Arbeitswelt, in der Wissensverteilung und Hierarchien anders organisiert sind. Mit anderen Worten: Alles ist im Wandel. Aber das ist eine gute Nachricht.

Mehr über Kenza erfahren: Hier geht’s zu ihrer Website

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