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Digitalisierung in Deutschland: „Uns fehlt das Gefühl der Dringlichkeit“

by Natascha Zeljko

Top in der Forschung, flop in der technischen Infrastruktur. Deutschland muss darauf achten, den Zug bei der Digitalisierung nicht zu verpassen, sagt Britta Daffner, Department Head AI & Data Science bei IBM. Was Saudi-Arabien und Israel uns voraus haben und warum die Mondlandung ein gutes Beispiel für erfolgreiches Storytelling ist

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Deutschland steht an einem wichtigen Punkt. Die Weichen müssen neu gestellt werden, von Old Economy zur Digitalisierung. Wo stehen wir?

In Deutschland dominiert nach wie vor Automotive, das war unsere große Stärke bisher, doch wir müssen aufpassen, dass diese Stärke nicht langsam zur Schwäche wird. Wir kommen nicht so richtig vom Fleck, weil es uns vermeintlich noch zu gut geht. Es fehlt das Gefühl der „Urgency“. Wir sind immer noch eine Industrie der mechanischen Innovationen und extrem vertikal ausgerichtet. Das heißt, wir haben eine sehr tiefe Expertise, was uns fehlt, ist die horizontale Linie, also das, was viele Disruptoren beherrschen, die vor allem Prozesse betrachten und optimieren.

Gibt es dazu Zahlen?

Interessant ist in diesem Zusammenhang das jährliche „IMD World Competitiveness Ranking“. Darin werden die 60 wettbewerbsfähigsten Länder der Welt miteinander verglichen. Aktuell ist Deutschland auf Platz 17, 2018 waren wir noch auf Platz 15, 2016 sogar auf Platz 12. Das heißt, es gibt einen absteigenden Trend. Vier Themengebiete sind dabei besonders spannend: Wir sind im Bereich Forschung auf Platz vier, also sehr weit vorne, was zeigt, dass wir in diesem Bereich hervorragend aufgestellt sind und beispielsweise auch sehr gute Hochschulen haben. Wenn es aber darum geht, Talente zu fördern sind wir nur auf Platz 25, beim Thema „regulatorische Rahmen“ auf Platz 27 und bei der technischen Infrastruktur sogar auf Platz 40.

Das zeigt ja bereits die Problemfelder sehr gut…

Das stimmt. Das sind in meinen Augen die Kernpunkte, an denen man arbeiten muss in den nächsten Jahren. Die Infrastruktur verbessern mit dem Ausbau der Netze, regulatorische Rahmen entsprechend optimieren etwa beim Datenschutz, was unsere große Stärke sein könnte – aber so, wie es im Moment gehandhabt wird, eher eine Innovationsbremse ist. Ganz wichtig ist das Thema Talentmanagement und Ausbildung. Andere Länder sind uns da weit voraus. Die führen Kinder und Teenager an die Zukunftsthemen heran, da gibt es  schon früh Touchpoints mit Unternehmen und Universitäten. In Israel zum Beispiel haben die Hochschulen den Auftrag, etwas zurückzugeben an die Gesellschaft. Schulklassen dürfen in den Universitäten bereits experimentieren, so lernen sie etwa, wie sie ihre DNA-Sequenzen analysieren können. Davon sind wir weit entfernt. In unseren Schulen müsste man auch viel stärker auf das Thema Informatik setzen, da wird viel zu wenig gemacht. Das alles sind verpasste Chancen. Was ich außerdem vermisse in Deutschland ist eine echte, nachhaltige Digitalstrategie. Es ist schade, dass man alles nur auf eine Legislaturperiode ausrichtet, das muss längerfristiger gedacht werden. Um nochmal auf das Ranking von IMD zurückzukommen: Einer der spannendsten Chartstürmer ist zum Beispiel Saudi-Arabien, das die letzten Jahre nach oben geschossen ist. Das Land verfolgt mit großer Disziplin seine Digital-Pläne, weil ihm das Ölgeschäft zunehmend wegbricht. Im Grunde gelten für Unternehmen die gleichen Gesetzmäßigkeiten wie für Länder. Man muss sich fragen: Wohin möchte ich und was ist die Strategie?

Wie gelingt ein Shift von Old zu New Economy? Was muss sich noch verändern?

Zunächst einmal sollte man bei der Kultur anfangen. Und das muss ganz oben angesiedelt werden, auf Vorstandsebene. Man braucht ein Führungsteam, dass dem Thema Relevanz gibt, das Lust hat, Veränderungen anzustoßen und diesen Spirit mit in die Company trägt. Ein Kulturwandel wird nicht funktionieren, wenn von oben kein Support da ist. Und auf die Mitarbeiter bezogen bedeutet das, dass man in Re- und Upskilling investiert. Dass man einen Rahmen schafft, wo die Leute animiert werden, neue Dinge anzugehen, offener zu werden, Innovationen mit rein zu tragen und damit zu experimentieren. Aber so ein Wandel braucht natürlich seine Zeit.

Was müssten Unternehmen noch verändern?

Es kommt natürlich auf das Unternehmen an. Es gibt keine one-size-fits-all Strategie. Nur Trends hinterher zu rennen ist auch nicht sinnvoll. Man muss sich aber zum Beispiel die unbequeme Frage stellen: Wie kann ich mich selbst zerstören? Da sind wir beim Stichwort Disruption. Viele schrecken verständlicher Weise davor zurück und tendieren dazu, auf einen Notfallplan zurückzugreifen: Wie kann ich mich verteidigen? Dabei ist das natürlich eine schizophrene Situation. Ein Unternehmen kann sich niemals komplett selbst disruptieren, weil man zu nah dran ist und – verständlicher Weise – emotional an dem bisherigen Geschäftsmodell hängt. Deshalb macht es Sinn, diesen Bereich auszugliedern in eine Extra-Unit, die sich genau mit solchen Themen beschäftigt.

In diesem Bereich ist in den letzten Jahren sehr viel passiert mit all den Digi-Labs und digital Factories…

Ja, es gibt und gab viele Varianten. Leider auch solche, die nicht funktioniert haben, weil es nicht gelungen ist, die Themen zurück in die Unternehmen zu tragen und umzusetzen. In den Mutterunternehmen wurden Digital-Labs manchmal als Spielwiese belächelt, in dem ein bisschen herumgeforscht und herumexperimentiert wird, aber nichts mit dem eigentlichen Business zu tun hat. Die Herausforderung ist, trotz räumlicher und inhaltlicher Distanz Nähe herzustellen zwischen beiden Bereichen. Es geht darum, alle Teams mitzunehmen bei diesen Leuchtturmprojekten. Am besten funktioniert das natürlich, indem die Mitarbeiter selbst den Nutzen eine Anwendung erkennen. Das ist immer das beste Argument.

Das Thema Vermittlung ist überhaupt ein interessanter Punkt, gerade bei komplexen Themen wie KI ist das zuweilen schwierig. Wie gehst du damit um? 

Ich sehe das gar nicht so kritisch. Im Grund braucht man ein gutes Narrativ, Stichwort Storytelling. Interessant finde ich, dass es früher besser funktioniert hat, nehmen wir das Beispiel Mondlandung. Da gab es eine Faszination für Technologie, für neue Applikationen, das fehlt heute. Dabei sind wir von viel mehr Technik umgeben. Jeder benutz ein iPhone, aber keiner interessiert sich mehr dafür, was da eigentlich drinsteckt. Wir müssen wieder diese Begeisterung entfachen. Über spannende Anwendungen sprechen und konkret erklären, was man mit Daten alles machen kann. Ich finde es schade, dass 80 Prozent der Gespräche, die ich führe, in die Richtung gehen: Wird KI unsere Jobs wegnehmen statt über Chancen zu sprechen. Das sagt viel über unser Mindset aus. Wir tendieren dazu, erst einmal alles Negative zu sehen.

Inwiefern wird die Corona-Krise die Transformation und überfällige Veränderungen beschleunigen?

Corona ist auf jeden Fall ein Beschleuniger. Innerhalb weniger Wochen wurden Dinge vorangetrieben, für die man sonst Jahre gebraucht hätte. Von daher sehe ich das bei aller Tragik auch als große Chance. Im Moment zeichnen sich bei den Firmen drei Entwicklungen ab. Zum einen geht es darum, Business-Kontinuität hinzubekommen. Das war vor allem in der ersten Phase das übergeordnete Ziel. Das zweite Mega-Thema war die Frage, wie man sein Geschäftsmodell noch schneller und effizienter digitalisiert. Und schließlich, Nummer drei, Kostenreduzierung. Und das ist der entscheidende Punkt. Natürlich kann man Technologien wie Automatisierung dazu nutzen, Kosten zu senken. Ich hoffe sehr, dass wir nicht auf diesem Level stehenbleiben. Dass wir Innovationen nicht nutzen, um schlechte Prozesse zu automatisieren nur um des Sparens willen. Sondern um neu zu gestalten, und zu überlegen: Wie kann man Ressourcen verwenden um Plattformen oder neue Modelle aufzubauen oder neue digitale Produkte zu launchen? Und – jetzt muss ich vorsichtig sein, dass soll nicht falsch ankommen – natürlich war es gut, dass der Staat viele Menschen und Betriebe mit Krediten unterstützt. Gleichzeitig ist meine Sorge, dass dabei auch viel am Leben gehalten wird, das auch vor der Krise nicht mehr gut dastand. Dass wir es uns alle ein bisschen zu bequem machen, weil am Ende ja jemand da ist, der sich um die Kontinuität kümmert. Und Veränderungen dadurch als nicht so dringlich empfunden werden, und man es verpasst, nötige disruptive Veränderungen herbeizuführen.

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