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Bekenntnisse eines Ex-Machos

by Natascha Zeljko (transcription)

Es passiert ja nicht oft, dass Menschen selbstkritisch ihre Haltungen und Verhaltensweisen reflektieren – und das dann auch noch öffentlich tun. Insofern ist diese sehr ehrliche, persönliche Bilanz von Fabrizio Galli Zugaro ein kleiner Scoop. Die Bekenntnisse eines Ex-Machos

Dieser Artikel ist auch verfügbar in Englisch

Es hatte sich schon eine ganze Weile angekündigt. Aber so richtig fing die Irritation an, als meine Tochter nach Amsterdam zog, um dort zu studieren. Das war vor einem Jahr. Wir telefonieren oft und bei einem dieser Gespräche kam das Gender-Thema auf. Die Tochter, die gestern noch ein Kind war, das man beschützt, dem man gesagt hat, was es tun und lassen soll, spricht da plötzlich klug und kompetent über Feminismus. Darüber, was schiefläuft und welche Zumutungen Frauen immer noch aushalten müssen. Sie referiert über Sexismus im Alltag und übergriffiges Verhalten. Über Benachteiligungen im Job und den Gender Gap in allen wichtigen Macht- und Entscheidungspositionen. Sie zitiert TED-Talks, kennt die wichtigsten Protagonistinnen der aktuellen Debatte. Ein paar dieser Videos hat sie mir geschickt. Ich habe sie mir angesehen und spätestens da wurde ich nachdenklich. Wie habe ich mich eigentlich diese ganzen Jahre und Jahrzehnte verhalten? Wenn ich daran denke, ist es mir heute fast ein bisschen unangenehm.

Natürlich ist man das Kind seiner Zeit. Ich bin im Italien der 70er Jahre sozialisiert worden. Die Zeit war politisch aufgeladen, man war dezidiert links oder rechts oder man hat sich ganz herausgehalten. Aber es ging meist um Kapitalismuskritik, eine Genderdebatte, zumal unter Männern, gab es nicht. Und um nicht falsch verstanden zu werden: Ich habe mich Frauen gegenüber nicht schlecht verhalten oder sie gar schlecht behandelt. Aber wir haben Sprüche geklopft, vor allem, wenn wir unter uns waren. Sollte eine Frau befördert werden, haben wir das hämisch kommentiert. Und wenn die dann auch noch die Frechheit besaß, selbstbewusst zu sein, wurde es richtig hässlich. Ein bossy Frau lag eindeutig jenseits unseres Toleranzbereichs.

Meine Tochter ist Teil einer bunten, globalen Community. Sie hat das große Glück, umgeben zu sein von Menschen aus der ganzen Welt. Ein wenig beneide ich sie um dieses moderne, globale Setting. Diese Generation geht viel selbstverständlicher und selbstbewusster mit diesen Themen um. Sie sind kämpferisch, sie sind radikal. Und meine Tochter ist deshalb für mich auch eine Art Ambassador dieses neuen Zeitgeists. Ohne sie hätte ich wenig Ahnung, was in diesen Zirkeln diskutiert wird. Das ist nicht immer bequem, aber gleichzeitig bin ich stolz, durch sie eine neue Perspektive entwickelt zu haben.

Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit, wenn es um meine, nennen wir es ruhig so, Läuterung geht. Einen wichtigen Anteil hat auch meine Lebenspartnerin, mit der ich einige Jahre liiert bin. Eine großartige, selbstbewusste, eigenständige Frau, die – und hier beginnt das Problem – vor mir ein Leben hatte. Es gab Ex-Partner und das hat mir Kopfzerbrechen, oder besser: Bauchschmerzen, bereitet. Der alte Macho in mir hat gelitten wie ein Hund und dabei tatsächlich mit zweierlei Maß gemessen: Dass auch ich Partnerinnen vor ihr hatte? Geschenkt. Ihre Liebesbiografie wog ungleich schwerer. Ich war eifersüchtig auf das „Davor“. Ich habe mich abgearbeitet an diesem Thema. Es hat mich ein paar Jahre gekostet, dazu eine gesunde und vor allem zeitgemäße Haltung zu entwickeln und diese Verzerrung im Bewerten von Frauen- und Männerleben als das zu sehen, was sie sind: ein lächerlicher, überholter Mindset. Der vor allem Männer in eine privilegierte „Anything goes“ Position setzt.

Mein Frühwarnsystem hat sich verändert. Ich reagiere sensibler auf diese abwertenden Sprüche, diese ganzen testosterongesteuerten Ausfälle. Ich kann mich noch gut an eine Situation erinnern. Wir hatten gerade eine Kundin, eine erfolgreiche Unternehmerin, verabschiedet. Sie war kaum zur Tür heraus, da meinte ein Mitarbeiter: „Die sieht doch aus wie eine Pornodarstellerin.“ Mir ist der Kragen geplatzt. Ich habe ihm klargemacht, dass ich so etwas nie, nie, nie wieder hören möchte. Trotzdem frage ich mich bis heute, ob das ausgereicht hat als Reaktion. Und ob man misogynes Verhalten nicht viel konsequenter unterbinden sollte. Und wo es anfängt. Inwiefern man auch scheinbar „harmlose“ Sprüche ächten sollte.

Bin ich ein neuer Mensch geworden im Sinne von neuer Mann? Ist die Metamorphose schon geglückt? Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher. Das werde ich beim nächsten Telefonat mit meiner Tochter besprechen.

Fabrizio Galli Zugaro ist ehemaliger Banker. Er hat lange Jahre in leitender Position bei der Commerzbank im Mailand gearbeitet und war zuletzt im Vorstand der Volksbank in Bozen. Daneben ist der gebürtige Römer, der heute in Venetien lebt, zertifizierter Coach und Mentor. Er ist spezialisiert auf Business-, Executive- und Life-Coaching sowie auf Business-Etikette und interkulturelle Beratung Italien-Deutschland. Mehr Informationen gibt es hier: https://www.fabriziogallizugaro.com/de/home-de/

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