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Allein unter Männern

Katharina Kreitz ist Diplom-Ingenieurin und Spezialistin für Strömungstechnik. Von Kunden wird die Co-Gründerin von Vectoflow schon mal gefragt, ob sie einen Experten (!) mitbringe zum Termin. Andere stellen ihr Fachfragen, um ihr Wissen zu testen. Warum sie trotzdem ihren Humor nicht verliert und sogar ein paar Vorteile sieht, hat sie in diesem Gastkommentar aufgeschrieben

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Was haben Formel 1-Boliden, Flugzeugtriebwerke, Drohnen und Dunstabzugshaben gemeinsam? Bei all diesen Anwendungen – und das ist nur ein kleiner Auszug des Portfolios – wird die Aerodynamik durch Produkte von Vectoflow optimiert und gesteuert. Die Idee, ein eigenes Unternehmen zu gründen kam mir, weil es hier einen enormen Optimierungsbedarf gibt. Ich habe mich viele Jahre nicht nur akademisch, sondern auch im industriellen Bereich mit Strömungstechnik beschäftigt. Ich habe unter anderem für die NASA, für Airbus sowie BMW in diesem Bereich gearbeitet – und mich oft geärgert. Die Messsysteme der Anbieter – heute unsere Konkurrenten – waren unpräzise und hatten viele Defizite. Ich war überzeugt: Das geht definitiv besser. Deshalb habe ich Mitte 2015 mit meinem ehemaligen Studienkollegen Florian Wehner und Dr. Christian Haigermoser, der mein Betreuer meiner Diplomarbeit bei BMW war, Vectoflow gegründet.

Rolemodel für junge Frauen

Als Frau in einem Ingenieurberuf bin ich leider immer noch eine Exotin. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich am Anfang auch gekämpft mit den Etiketten, die einem angeheftet werden. Es fühlte sich an, als hätte man eine Behinderung, weil man immer wieder auf diese „Sonderrolle“ angesprochen wird. Inzwischen hat sich meine Einstellung dazu geändert. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass es neben vielen Nachteilen auch zahlreiche Vorteile gibt – man muss sie einfach nur spielen. Ich mag die Bezeichnung zwar nicht, aber für viele bin ich ein Rolemodel. Ich habe eine Vorbildfunktion und habe dadurch die Chance, junge Mädchen und Frauen zu ermutigen, groß zu denken. Sich für Technik zu begeistern, auf Führungspositionen zu bewerben oder sogar eine eigene Firma zu gründen. Das nehme ich sehr ernst und gehe deshalb auch hin und wieder an Schulen, um Mädchen zu zeigen, wie viel Spaß Technik machen kann.

Das Problem mit der gläsernen Decke

Das ist die eine Seite. Was mich zunehmend beschäftigt, ist die Frage nach der eigenen Verantwortung. Oft kommen Frauen nach Vorträgen zu mir und klagen mir ihr Leid: Sie würden gemobbt, man lege ihnen Steine in den Weg, etc. Wenn ich ehrlich sein soll: Früher war ich da rigoros, hätte sogar auf der anderen Seite gestanden – im Sinne von: Dann setz dich halt durch. Heute sehe ich das etwas differenzierter, obwohl ich es nach wie vor nicht mag, wenn man die Schuld immer bei anderen sucht und das „Frausein“ als Ausrede benutzt. Ja, leider gibt es immer noch diese gläsernen Decken, das stimmt, aber oft sind die auch im eigenen Kopf.

Women in Tech – allein unter Männern

An skurrile Situationen habe ich mich gewöhnt und muss teilweise selber darüber lachen. Ein Beispiel: Einer meiner ersten Kunden hat mich damals angerufen und gefragt: Frau Kreitz, kommen Sie alleine oder bringen Sie einen Experten mit? Offensichtlich ist er davon ausgegangen, dass Frauen grundsätzlich Assistenzberufe machen. Um in meiner Branche ernst genommen zu werden, habe ich in meiner Signatur noch immer „Diplom-Ingenieur” stehen, obwohl es heute eigentlich nicht mehr üblich ist. Weil ich bei uns auch Vertrieb mache, ist es entscheidend, dass meine Qualifikation außer Frage steht. Wir sprechen hauptsächlich mit Nerds und sobald die denken, sie haben eine Verkaufstrulla vor sich, ist der Deal gelaufen. Was wiederum ein Grund dafür ist, dass ich meinen MBA bewusst nicht in meiner normalen Signatur führe.

Doppelter Einsatz

Ist es also schwieriger als Frau in der Tech-Branche? Was sicherlich stimmt: Man muss sich am Anfang mehr beweisen als seine männlichen Kollegen. Und es passiert immer noch, dass mir Kunden beim Erstkontakt ein paar „böse“, tief technische Fragen stellen, um abzuchecken, ob ich wirklich verstehe, wovon ich rede. Wenn ich da pariere, dann ist das wie ein Ritterschlag, dann wird man als Expertin auf Augenhöhe akzeptiert. Aber da muss ich erstmal durch. Meinen männlichen Sales-Ingenieuren würde das nicht passieren. Überhaupt musste ich in jedem Job bisher überperformen, um die gleiche Anerkennung wie männliche Kollegen zu bekommen. Und trotzdem hat man als Frau einen kleinen Vorsprung: Man bleibt im Gedächtnis, weil es so wenige von uns in der Tech-Branche gibt. Ich habe einen enormen Wiedererkennungswert, auf Messen und Konferenzen falle ich auf. Und das ist doch, bei aller Ungenauigkeit in der Messtechnik von Karrieren, ein echter USP.

Über Vectoflow

Vectoflow, vor fünfeinhalb Jahren gegründet mit Sitz in Gilching bei München, ist heute in über 70 Ländern aktiv und beliefern Firmen wie ABB, Siemens oder verschiedene Formel 1-Teams mit Messtechnik. Das Unternehmen entwickelt mittels 3D-Druck und smarten Softwarelösungen individuelle Strömungsmesstechnik, die sich perfekt an das Einsatzgebiet anpasst und auch unter schwierigen Bedingungen zuverlässige Ergebnisse liefert. Mehr Infos unter vectoflow.com